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04. Cannabis – Zwischen Mythos, Wirkung und Erfahrung

von Jane Winkler

Cannabis ist ein Thema, das erstaunlich viele Emotionen auslöst.

Cannabispflanze mit Blüten mit Summen‑ und Strukturformel des Moleküls THC (Tetrahydrocannabinol)
Foto: Urheber nicht angegeben - thc-formula on pixabay

Lesedauer: 7 Minuten

Zwischen Verharmlosung und Panikmache

bleibt kaum Raum für eine nüchterne Betrachtung.

Dieser Bericht soll niemanden zum Konsum animieren. Er soll aufklären – weder verherrlichen noch dämonisieren.
Ich wehre mich dagegen, dass Cannabis als Schreckgespenst behandelt wird, das Konsumenten weiterhin automatisch zu asozialen Kriminellen abstempelt.

**Das alte Bild vom „Kiffer“**
Über Jahrzehnte wurde Cannabis mit Kriminalität, Faulheit und Verwahrlosung gleichgesetzt. Ein Bild, das politisch gewollt war – und mit der Realität wenig zu tun hat.

Die meisten Konsumenten sind berufstätig, sozial integriert, verantwortungsbewusst und unauffällig. Viele konsumieren gelegentlich, manche gar nur zu bestimmten Anlässen. Das Klischee vom „Kiffer auf der Couch“ ist ein Relikt aus einer Zeit, in der Angst ein politisches Werkzeug war.  
Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Nichtkonsument täglich an einem völlig unauffälligen, sozial angesehenen Konsumenten vorbeigeht, ist statistisch gesehen mindestens 1:10 – realistisch sind es eher 80–90 %.

**Was auch wichtig ist**
Es gibt frei verkäufliche Medikamente, deren Liste an Nebenwirkungen weit reicht, ohne dass deren Konsumenten sich der Folgen bewusst sind.  
Und es gibt giftige Kräuter im Garten oder Pilze im Wald, die deutlich gefährlicher wirken.
Des Weiteren verweise ich auf die Gefährlichkeit von Alkohol, dessen Nichtkonsumenten sogar auf jeder Feier komisch angesehen werden, wenn sie nicht beim Zuprosten ein „Schlückchen“ mitziehen. Zum Glück findet hier gerade ein Umdenken statt.
Ich habe mehrere Familienmitglieder an Alkohol verloren – an Cannabis niemanden.

Erfahrungsbericht: Alkohol is Muss

Die erste Frage, die mir gestellt wird,

sobald ich mich als Kifferin oute, ist: „Und, wie wirkt das?“
Meine Antwort darauf: Ich kann es nicht vorhersagen, wie es auf andere Personen wirkt, weil es vom Charakter und der Grundstimmung (Tagesform) abhängig ist. Manche sagen: „Die Stimmung wird durch Cannabis verstärkt.“  
Das kann ich so nicht bestätigen. Die Stimmung kann sich verbessern, und selbst bei guter Grundstimmung kann es passieren, dass etwas ausgelöst wird, das Trauer oder Stress verursacht. Im Besonderen ist bei Neukonsumenten keine Reaktion vorhersehbar. Es kann auch sein, dass jemand gar nichts merkt. Gemein ist, wenn Leuten, die keine Erfahrung mit Gras haben, ohne dass sie es wissen, etwas untergemischt wird – z. B. als Kekse oder im Kuchen dargereicht.

Bis zur Teillegalisierung verhielt es sich so, dass viel gepanschtes Gras im Umlauf war. So konnten Nebenwirkungen auftreten, die bei purem Gras wohl kaum aufgetreten wären.

Ein weiterer wichtiger Faktor ist: Die meisten Konsumenten drehen ihren Joint mit Tabak. Das habe ich mir vor ein paar Jahren abgewöhnt. Dabei hat mir das Cannabis sogar geholfen, über die erste Zeit nach dem Verzicht auf Tabak hinwegzukommen.  
Die Wirkung von Cannabis ohne Tabak ist meiner Erfahrung nach sogar wesentlich angenehmer. Mit Tabak wird die Wirkung schwerer, diffuser und körperlich unangenehmer. Ohne Tabak ist sie klarer und deutlich verträglicher.  
Und dann nutzen die meisten Konsumenten auch noch Filter, die keine sind, sondern nur die Tüte stabil halten und verhindern, dass der Tabak beim Ziehen direkt auf der Zunge liegt. Dabei gibt es entsprechende Filter zu kaufen, die der Wirkung des Grases keinerlei Abbruch tun.

**Einstiegsdroge.**

Meine Einstiegsdroge waren Zigaretten. Ich war 12, und geraucht wurde im Mädchenklo.
Alkohol in Form von Weinbrandbohnen, die meine Großeltern immer von der „Butterfahrt“ mitbrachten – da war ich ebenfalls erst 12 Jahre jung.
Ich habe noch nie Kokain, Ecstasy, Pilze, LSD, Heroin oder sonstige illegale Betäubungsmittel konsumiert. Außer verschriebene Schmerzmittel.
Probleme mit Beschaffungskriminalität im Sinne von „Ich muss mir was kaufen“, wie es bei Heroin beschrieben wird, hatte ich nie.
Für’n Fuffi reichte immer für den ganzen Monat, obwohl ich jeden Tag rauchte.
Ich hatte aber noch nie Halluzinationen, und Flashbacks kenne ich auch nicht.

Bei gelegentlichem, vorausgesetztem komplikationslosen Genuss kann es großen Spaß machen.
Als Erstes wirkt es sehr entspannend. Die Art der Entspanntheit hat weder zwingend Müdigkeit zur Folge noch schlägt Gleichgültigkeit zu (so wie beim Alkohol die Enthemmtheit). Es ist einfach ein lockeres Gefühl.
Die Wahrnehmung verändert sich. Einmal lag ich auf einer Wiese und hatte das Gefühl, der Gesang der Vögel laufe in Zeitlupe. Die Sinne waren geschärft, fast überdeutlich. Im Kaufhaus kann es daher schnell zur Reizüberflutung kommen.
Dann kann es passieren, dass man einen Lachflash bekommt. Das liegt daran, dass der Wirkstoff THC (Tetrahydrocannabinol) ans Belohnungssystem im Gehirn andockt. Vieles, worüber man sich sonst aufgeregt hätte, wirkt einfach lächerlich.
Es führt aber nicht dazu, dass echte Gefahrensituationen als lächerlich eingeschätzt werden. Dann ist man schlagartig nüchtern.

Bei Dauerkonsum verhält es sich so, dass die Wirkung sich abschwächt. Dabei verhält es sich nicht so, dass das Cannabis selbst eine Abhängigkeit erzeugt, sondern der Verstand gaukelt einem durch die Gewohnheit eine Abhängigkeit vor – so wie die meisten meinen, morgens nur mit Kaffee in den Tag starten zu können.
Das Ritual an sich ist die Abhängigkeit und nicht die Substanz.
Wenn ich mehrere Monate hintereinander jeden Tag konsumierte und dann eine Pause einlegte, kann ich mich an keinerlei körperliche Entzugserscheinungen erinnern. Beim Entzug von Zigaretten war das jedoch immer der case.
Inzwischen bin ich vom Tabak aber ganz und gar weg. Und ich bin sehr froh darüber. Kommt mir nicht mehr in die Tüte. :-)

Ja, Cannabiskonsum kann auch unangenehm werden.

Dabei kommt es nicht auf die Höhe der Dosis an. Bei dem einen reichen ein paar winzige Krümel, bei einer anderen geht’s erst nach dem sechsten Keks ab.

Meinen ersten Joint rauchte ich im zarten Alter von 18 Jahren. Ich steckte mental in einer Situation, die ich niemandem sonst wünsche – das ist aber eine andere Geschichte. Dadurch war ich mental total am Boden.
So ging ich auf eine Party, und ich hatte schon ein oder zwei Bier getrunken und rauchte zu der Zeit auch schon Zigaretten. Als ein Joint rumgereicht wurde, ließ ich mich darauf ein.
Kurze Zeit später sah ich die Gesichter der Leute um mich herum total verzerrt. Ich hatte das Gefühl, mich lieber nicht bewegen zu wollen. Mein Bewegungsapparat war nicht mehr unter Kontrolle. Bei der kleinsten Bewegung wurde mir kotzübel, sodass ich mich übergeben musste. Meine Freunde fragten, was ich genommen hätte. Als ich „Cannabis“ antwortete, waren sie sofort beruhigt. Danach war es besser. Die Nacht konnte ich jedenfalls gut schlafen und wachte mit diesem beruhigten Gefühl wieder auf, das ich schon beschrieben hatte. Die Wirkung hielt also bis zum nächsten Tag an. Hier dürfte der Begriff „stoned“ passend gewesen sein.

Es dauerte dann etwa ein Jahr, bis sich wieder die Gelegenheit bot. Trotz der unschönen ersten Erfahrung ließ ich mich wieder drauf ein. Diesmal sah ich zwar glasklar, doch mein Kreislauf rebellierte wieder, und wieder musste ich spucken.

Erst 19 Jahre später – andere Umstände, anderes Mindset. Zwischenzeitlich hatte ich auch ein paar Jahre Zigarettenpause, doch die Redewendung traf bei mir zu: „Einmal Raucherin, immer Raucherin.“ So hatte ich nach Jahren wieder angefangen und kam erneut mit Gras in Berührung. Da war ich sofort wieder dabei. Ab hier wurde der Rauschzustand für mich angenehmer.

Im Rauschzustand fühlte ich mich nie so, wie es allgemein beschrieben wird – dass ich nur rumhängen und nichts mehr tun wollte. Im Gegenteil: Es war sogar wundervoll, unterwegs zu sein oder die Bude zu renovieren.

Dennoch hatte ich mit mir und der Welt Schwierigkeiten. In welchem Umfeld ich mich auch bewegte, ich fühlte mich fehl am Platz.
Das Cannabis war nicht der Grund dafür – die Ursachen liegen viel tiefer –, doch Cannabis machte etwas mit mir, das ich zu der Zeit gar nicht in der Lage war zu reflektieren. Genau die Menschen, die mir das Gras brachten, rieten mir: Ich solle es besser mal lassen. Allerdings ignorierte ich es zuverlässig.

**Mythen über Abhängigkeit**

Wenn über Cannabis gesprochen wird, fällt schnell das Wort „Abhängigkeit“.
Im schlimmsten Fall physischer Abhängigkeit sorgt der Wirkstoff der Substanz dafür, dass dem Körper vorgegaukelt wird, er müsste ohne sterben – dabei ist es oft umgekehrt.

THC selbst erzeugt keine körperliche Abhängigkeit wie Alkohol, Nikotin oder Opiate. Daher wird vor psychischer Abhängigkeit gewarnt. Nun, das ist ja interessant, da sich die Wissenschaftler nicht mal einig sind, ob eine Seele (Psyche) überhaupt existiert.
🤔 Moment mal – ihr warnt vor etwas, dessen Existenz ihr selbst nicht klar definieren könnt?

Viele Menschen verwechseln Gewohnheit mit Sucht. Und viele verwechseln emotionale Themen mit Substanzen.
Ich bin überzeugt davon, ich hätte das alles auch ohne THC durchgemacht, weil es eben meine Art zu lernen ist.
Tatsächlich stimme ich überein: Gewohnheiten wie Rituale können zu einer Abhängigkeit führen – ähnlich wie beim Kaffee am Morgen, ohne den der Körper angeblich nicht in Schwung kommt.
Dem Verstand wird ein Streich gespielt, sodass er sich einbildet, nur durch die Einnahme eines Wirkstoffs glücklich sein bzw. wach werden zu können.

Es können Ängste auftreten, die zum Beispiel das angekratzte Selbstwertgefühl stärker in den Vordergrund rücken.
Wenn man selbst aber keinen Zugang dazu hat zu erkennen, dass man sich als Niete sieht – wer will sich das schon eingestehen? – und sich krampfhaft versucht, an ein krankes Umfeld anzupassen, nur um ein bisschen gemocht zu werden, kann THC wirklich brutal sein.
Und so habe ich es erlebt.

Mein Leben verlief häufig wie die Fahrt in einer Geisterbahn. Hinter jeder Ecke konnte ein Monster lauern.
Ich habe auch eine Therapie gemacht. Nicht wegen Cannabis – sondern wegen des Gefühls, keinen wirklichen Zugang zu dieser Gesellschaft zu finden.
Die Therapie hat in mir nichts verändert. Danach hat sich das ganze Dilemma total verschlimmert. Damit will ich nicht die Therapie an sich herabwürdigen.
Während der Therapiewochen rauchte ich keinen einzigen Joint.
Mein Therapeut wusste auch, dass ich Gras rauche, und er gab mir mit auf den Weg:

Wenn ich noch die Dinge schaffe, die ich mir vorgenommen habe, ist es okay.

Was wirklich gefährlich ist

Die größten Risiken rund um Cannabis hatten lange nichts mit der Pflanze selbst zu tun, sondern mit fehlender Qualitätssicherung – das heißt gepanschtem Schwarzmarktgras –, Tabak im Joint, Mischkonsum mit Alkohol und fehlender Aufklärung.
Die Teillegalisierung hat hier einiges verbessert. Saubere Produkte bedeuten weniger Nebenwirkungen. Und wer ohne Tabak konsumiert, erlebt eine völlig andere, deutlich verträglichere Wirkung.

**Wie ist das heute?**

Ich sehe heute keine Dramen mehr, sondern nur Situationen, die mich herausfordern. Dabei regt Cannabis meinen Denkprozess an. Ich finde schneller Lösungen.

Das ist aber meine Verhaltensweise nach 40 Jahren Erfahrung damit.

Es verhält sich nicht so, als würde mich nichts mehr Angst machen, sondern ich stelle mich der Angst. Ich frage mich: „Was will sie mir sagen bzw. zeigen. Ich reflektiere lösungsorientiert.

Was kann ich tun, um die Herausforderung zu einem Erfolg für mich zu verbuchen?

Damit will ich nicht ausdrücken: „Cannabis macht mich besser“, sondern: „Ich habe gelernt, damit umzugehen, und es unterstützt mich in meiner Art zu denken.“

**Warum wir neu über Cannabis sprechen müssen**

Die gesellschaftliche Debatte über Cannabis ist voller Mythen, Halbwahrheiten und moralischer Reflexe. Dabei wäre es so einfach:

Ein erwachsener Umgang bedeutet hinschauen, reflektieren und ehrlich sein.
Aufklären statt verteufeln. Reflektieren statt verurteilen. Verstehen statt stigmatisieren.

Ich wünsche allen eine entspannte Zeit.
Peggy

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